,,Olympische Spiele“ als Überlebenskampf

Von Rüdiger Fritz

Arkadiusz (,,Arkady“) Brzezicki ließ es sich auch im hohen Alter von über 100 Jahren nicht nehmen, regelmäßig wiederzukehren nach Dobiegniew, wie die kleine Stadt ab 1945 heißt und seitdem zu Polen gehört. Das war einst ein Ort des Grauens für ihn. Zu einer Zeit, als Leutnant Brzezicki im deutschen Kriegsgefangenenlager II C in Woldenberg, so der damalige Name der Stadt im östlichen Teil der Mark Brandenburg, um das nackte Überleben kämpfte. Der Kompaniechef einer polnischen Aufklärungseinheit war er am 19. September 1939 beim Überfall der Hitler-Wehrmacht auf seine Heimat gefangengenommen und 1940 für fast fünf Jahre in Woldenberg interniert worden.

Als ein „Woldenberczycy“, ein ,,Woldenberger“ – so werden in Polen die ehemaligen Gefangenen des Lagers genannt – sprach er später bei vielen Anlässen vor einheimischen Schülern und Gästen über die Zeit im Lager.  Er hatte seinen jungen Zuhörern viel zu erzählen über die Entbehrungen,  über die Todesängste, über Einsamkeit und Verzweiflung, aber auch über den Lebensmut, die Tortur zu überstehen. Und er sprach über die ,,Olympischen Spiele“ 1944, deren 75-jähriges Jubiläum in wenigen Monaten ansteht.

Nicht gemeint waren damit die Spiele, die das Internationale Olympische Komitee (IOC) für 1944 vergeben hatte, die wie schon 1940 wegen des Zweiten Weltkrieges nicht ausgetragen werden konnten. In zwei Kriegsgefangenlagern für polnische Offiziere – in Woldenberg und Groß-Born – lebten die olympischen Ideale mit besonderen Sport- und Kulturveranstaltungen auf. Die Organisation für die ,,Olympischen Spiele“ 1944 hinter Stacheldraht im Oflag Woldenberg lag maßgeblich in den Händen von Arkadiusz Brzezicki.

Überfall auf Polen vor 80 Jahren

Zum 80. Mal jährt sich am 1. September 2019 der Tag, an dem Hitler-Deutschland mit dem Überfall Polens 1939 den Zweiten Weltkrieg auslöste, der den Erdball mit unsäglichem Leid überzog. Die polnische Armee konnte trotz heldenhaften Widerstandes der an Soldaten und Kriegsmaterial überlegenen deutschen Wehrmacht nicht lange standhalten, deren Truppen bereits am 8. September die Hauptstadt Warschau erreichten, die 20 Tage später kapitulierte. Die letzten polnischen Streitkräfte ergaben sich am 6. Oktober 1939. Über 66 000 Soldaten Polens kosteten die ersten Kriegswochen das Leben, mehr als 16 000 Zivilisten wurden ermordet. Auf der Seite der Wehrmacht beliefen sich die Opfer auf 10 600.

In deutsche Gefangenschaft gerieten 420 000 Soldaten, darunter waren 19 000 Offiziere, und über 200 000 Zivilisten. Die sowjetische Armee, die im Rahmen des sogenannten Hitler-Stalin-Paktes vom Osten her Polen angriff und große Gebiete des Landes annektierte, nahm über 250 000 Soldaten gefangen. Unter ihnen befanden sich 18 000 Offiziere.

Die meisten polnischen Offiziere in deutscher Gefangenschaft wurden in vier  Lagern inhaftiert, deren Namens-Abkürzungen in römischen Ziffern sich nach den Wehrkreisen richteten und alphabetisch geführt wurden. Das waren die abgekürzt Oflags genannten Lager des Wehrkreises II Stettin in Woldenberg (II C), Groß-Born (II D) und Neubrandenburg (II E) und das im Wehrkreis München gelegene Murnau am Staffelsee (VII A). Deutschland war am 27. Juli 1929 der Genfer Konvention beigetreten, die Rechte und die Behandlung von Kriegsgefangenen regelte. Das Hitler-Regime sagte zu, sich daran zu halten. Das bedeutete, die Kriegsgefangenen unter allen Umständen menschlich zu behandeln, sie ausreichend mit Nahrung, Unterkunft und Kleidung zu versorgen. Festgeschrieben war, dass die Bedingungen der Unterbringung vergleichbar sein mussten mit der Unterbringung der Truppen der gefangennehmenden Partei im selben Gebiet.

Diese von Stacheldraht umgebenen und streng bewachten Lager besaßen mitunter die Größe von Kleinstädten. Das Oflag II C in Woldenberg als größtes Kriegsgefangenenlager in Deutschland umfasste 60 Hektar. In den mehr als 50 Baracken waren 6000 polnische Offiziere untergebracht, die von 1000 Unteroffizieren und Mannschaften betreut wurden. Die Genfer Konvention erlaubte es den Kriegsgefangenen, eine eigene Verwaltung einzurichten. Die Offiziere waren im Lager an der Arbeit nicht beteiligt. Die zu ihrer Bedienung vorgesehenen Unteroffiziere und Mannschaften bezahlten sie von ihrem Sold, einem speziellen Geld, der sogenannten Lagermark.

Ein Gutschein von zwei Mark aus dem Oflag Woldenberg. Auf der Rückseite befindet sich ein 1944 im Oflag II C postalisch verwendeter Olympiastempel mit der Inschrift ,,ROK OLIMPIJSKI“, was ,,Olympisches Jahr“ bedeutet.

Hilfe vom Roten Kreuz und YMCA

Um nicht moralisch in den vielen Jahren der Gefangenschaft zu zerbrechen, versuchten die Insassen, dem traurigen Lagerleben mit vielfältigen Aktivitäten zu begegnen. In Würde zu überleben, stand im Vordergrund. Chöre übten, es gab Laienspielgruppen und Theatervorführungen. In Woldenberg trat ein Sinfonie-Orchester auf. An einer Aufführung der Oper ,,Aida“ waren 350 Chorsänger beteiligt. Die Offiziere, die Teil der Intelligenz Polens waren, taten sich als Dozenten und Lehrer hervor. Ihren Kursen wurde oft das Niveau von Universitäten bescheinigt. Polnische Universitäten erkannten nach Kriegsende in vielen Fälle die im Gefangenenlager erreichten Zeugnisse an. Kontakte konnte man in Clubs, Cafés und Kantinen knüpfen und pflegen.

Die Nazis stellten das Oflag Woldenberg als ein Vorzeigelager dar. Daraus ergaben sich Möglichkeiten, von außen Hilfe zu leisten, ohne dabei behindert zu werden. Diese Unterstützung kam neben dem Internationalen Roten Kreuz von der internationalen Organisation Young Men’s Christian Association (YMCA), dem Christlichen Verein Junger Menschen.

Die Organisation YMCA half auch bei der Organisation des Sports in Woldenberg und wurde mit einer von Jerry Hryniewiecki im Gefangenenlager entworfenen Briefmarke zu 10 Fen (Pfen-nig) geehrt. Diese wurde am 8. Dezember 1943 in einer Auflage von 11 360 Stück herausge-geben. Die Marke war bis zum 31. Mai 1944 gültig. Die Postkarte wurde in die Baracke 3/2 geschickt. Der Gummi-Zweikreisstempel Woldenberg vom 2. Mai 1944 wurde von O. Rocznick entworfen, die Gravur fertigte Roman Wieczorkiewicz.

In den Lagern wurde das Sporttreiben hoch geschätzt, um physisch zu überleben und die Moral aufrechtzuerhalten. Beliebt waren Basketball, Fußball, Handball, Leichtathletik, Tischtennis, aber auch Schach. Das Internationale Rote Kreuz stellte die notwendige Ausrüstung zur Verfügung, die Gefangenen richteten die Sportanlagen her. In Woldenberg waren sechs Militär-Sportclubs aktiv, die schon vor dem Zweiten Weltkrieg bestanden. Diese organisierten Wochen der Körperkultur und des Sports sowie Wettkämpfe. Unter den Gefangenen befanden sich Dozenten und Absolventen der Warschauer Zentralanstalt für Leibeserziehung sowie der Institute für Sport in Posen und Krakau, die fachliche Anleitung für das Training und Übungen zur allgemeinen Fitness erteilten. Zudem wurde Wert gelegt auf die Schulung von sportlichen Ausbildern und Schiedsrichtern.

 

Postkarte aus dem Lager Woldenberg mit dem Stempel für die ,,Woche der Körperkultur und des Sports" vom 9. bis 16. August 1942. Adressat ist ein Gefangener in der Baracke 23 a. Die Frankatur besteht aus der Marke Witwe und Waisen, die am 5. April 1942 herausgegeben wurde. Dies war die erste Briefmarke der Lagerpost Woldenberg. Der Wert wurde in fünf Farben gedruckt, darunter mit 1262 Exemplaren in Schwarz.

Phantasievolle Marken trotz schwerer Bedingungen

Wegen der Größe der Lager und der Tausenden von Häftlingen kam einem internen Kommunikationssystem hohe Bedeutung zu. Das geschah durch eine Lagerpost, die in zuerst Woldenberg am 12. Mai 1942 ihre Tätigkeit aufnahm und  die bis zum 25. Januar 1945 aufrechterhalten wurde. Nach der Genehmigung durch die deutschen Militärbehörden öffneten die Postverwaltungen in den Oflags Murnau am 6. November 1942, in Groß-Born am 11. Dezember 1943 und in Neubrandenburg am 22. Januar 1944. Die Lagerpostkommission ordnete die Tarife für verschiedene Dienstleistungen wie Drucksachen, Postkarten, Briefe, Einschreibe- und Express-Sendungen sowie Pakete an. Die Verantwortung für die Postsysteme lag in den Händen des polnischen Oberbefehlshabers in den jeweiligen Lagern. Eine Korrespondenz zwischen den verschiedenen Oflags war streng verboten. Die Postdienste wurden mit der Lagerwährung bezahlt. Der Gewinn kam den Witwen und Waisen des Krieges im besetzten  Polen zugute. 250 000 Mark konnten auf geheimen Wegen in die Heimat gebracht werden.

Die Herstellung der Briefmarken, Blöcke, Postkarten und Souvenirbögen musste auf einfache Art erfolgen. Umso beeindruckender ist die Vielfalt der Erzeugnisse und deren künstlerischer Wert. Die Exemplare wurden mit geschnitzten Holzdruckstöcken oder Druckvorlagen aus Linoleum oder dem Gummi von Schuhsohlen und Gasmasken gefertigt. Aus dem Oflag Woldenberg gibt es ausschließlich geschnittene, ungummierte Marken. In Groß-Born wurden die Marken per Hand mit  Zahnrädern von Uhren perforiert. Deren Gummierung ist ungleichmäßig und zum Teil unzureichend, weil es am Grundstoff mangelte. Auch fallen die Farbtönungen der Briefmarken unterschiedlich aus, da nicht ausreichend gleiche Farbe zur Verfügung stand. Anfangs wurden die Marken auf schmale Papierstreifen gedruckt, die von Zeitungsrändern stammten. Später verbesserte sich die Situation durch Papierbögen, die das Rote Kreuz von Schweden liefern durfte.  Nach der Herstellung der Briefmarken wurden die hölzernen Druckstöcke mit diagonalen oder vertikalen Einritzungen unbrauchbar gemacht. Anschließend wurden damit in geringer Anzahl Drucke in schwarzer Farbe für Kataloge und als Souvenir angefertigt.

Die sportlichen Aktivitäten erreichten 1944 ihren Höhepunkt, als in den Oflags Woldenberg und Groß-Born in Gedenken an die XIII. Olympiade eigene ,,Olympische Spiele“ veranstaltet wurden. Stacheldraht konnte olympische Idee nicht unterdrücken. Für die Gefangenen bedeuteten die Spiele einen Kampf ums Überleben. Das Offizierslager II C beging 1944 als ein Rok Olimpijski, ein Olympisches Jahr. Aus Anlass der Spiele in Woldenberg vom 23. Juli bis 13. August entstand eine Briefmarke, die einen siegenden Läufer bei Erreichen des Zielbandes darstellt. Entworfen wurde der Wert zu 10 Fen (Pfennig) von Leutnant Edmond Czarnecki. Die Druckauflage betrug 17 580 Exemplare. Die Marke wurde vom Verband der sechs Militärsportvereine im Lager in Auftrag gegeben.

 

Einschreiben vom 22. August 1944 mit dem olympischen Läufer-Marke an einen Gefangenen in der Kaserne 11 A. Der Gummistempel ist dem 80. Jahrestag des Internationalen Roten Kreuzes gewidmet. Es ist einer der wenigen roten Stempel aus dem Lager Woldenberg. Er wurde entworfen von Tadeusz Plonczak und graviert on Roman Wieczorkiewicz. Mit den vier Marken ist der Brief um 5 Pfennig überfrankiert. Korrekt waren 20 Pfennig für einen Brief und 15 Pfennig Einschreibegebühr.

Marke in Schwarz mit Schrägstrich. Nach der Herstellung der Marke wurde der Druckstock durch einen diagonalen Schlitz unbrauchbar gemacht. Danach wurden etwa 100 Drucke gefertigt.

Olympia-Sonderstempel in Woldenberg

Einen Stempel zu den Spielen gestaltete Tadeusz Plonczak. Wiederum war  Roman Wieczorkiewicz der Graveur. Der Gummistempel erschien am Abschlusstag der Lager-Olympiade, dem 13. August 1944, und steckt voller Symbolik. Er zeigt die Olympischen Ringe auf einer Flagge und verweist auf das Olympische Jahr im Oflag II C. Darüber befinden sich Bombenflugzeuge und unten Panzer und Ruinen. Der Stempel besaß Gültigkeit bis zum 31. Oktober 1944.

Das von den Gefangenen gewählte Olympische Komitee legte die Lager-Olympiade  auf einen Zeitraum von 21 Tagen fest. Sie dauerte damit fünf Tage länger als die Spiele, die das Internationale Olympische Komitee alle vier Jahre an eine Stadt vergab. Im Vorfeld ermittelten die Sportvereine die Teilnehmer für die Leichtathletik – mit den Disziplinen 100-Meter-Lauf, 4×100-Meter-Staffel, 10-Kilometer-Gehen, Weit- und Hochsprung, Kugelstoßen -, Basketball, Boxen, Fußball, Handball, Volleyball und das nicht-olympische Schach. Die Boxwettkämpfe bei den ,,Olympischen Spielen“ wurden auf Grund der schlechten körperlichen Verfassung der Sportler nicht zu Ende geführt.

 

Brief vom 13. August 1944 an einen Kriegsgefangenen in der Kaserne 3 A. Die Marke wurde mit Olympia-Sonderstempel entwertet. Es handelt sich um einen offenen Brief. Korrekte Rate von 10 Pfennig für eine Drucksache

Komplette olympische Zeremonie

Die Lager-Post druckte ein dreigefaltetes Programm für die Spiele. Die Vorderansicht zeigt einen antiken Athleten mit einem Lorbeerkranz. Die Rückseite bildet im mittleren Teil drei Briefmarken-Essays zu zwei Mal 1 und 3 Mark ab. Für diese Vorlagen wurden ebenfalls Motive von den Olympischen Spielen der Antike gewählt. Genannt wurden auf dem Blatt sämtliche Veranstaltungen und die teilnehmenden Mannschaften.

Die Eröffnungsfeier der ,,Olympischen Spiele“ bestand aus der kompletten olympischen Zeremonie. Nachdem die Flagge mit den fünf Olympischen Ringen und der Inschrift ,,ROK 44 w II C“ gehisst worden war, brachte man den Teilnehmern und Zuschauern Gedichte dar, die an vergangene Olympische Spiele erinnerten. Eine Olympiafanfare ertönte, die der Gefangene Marian Frankiewicz komponiert hatte. Ein Orchester und Chöre traten auf und es gab gymnastische Darbietungen. Durch den Mut eines Mitglieds des Olympischen Lager-Komitees konnte die Fahne in den Kriegswirren gerettet werden. Sie hat einen Ehrenplatz im polnischen Museum für Sport und Tourismus in Warschau.

Bei der Feier auf einem Fußballplatz, der den Namen ,,Olympiastadion“ erhielt, füllten viele Gäste die extra errichteten Tribünen. Wer zuschauen wollte, musste eine Eintrittskarte erwerben. Deren Vorderseite zeigt die Olympischen Ringe, einen Lorbeerzweig und die Inschrift ,,Olympisches Jahr“ / Lager II C / Woldenberg / Eintritt zu den Veranstaltungen. Auf der Ticketrückseite sind eine Olympische Fackel über einem Lorbeerkranz und die Daten der Spiele abgebildet. Am letzten Tag der Spiele ließen einige Zuschauer bei der Lagerpost ihr Ticket mit der Gedenkmarke und dem Sonderstempel der Veranstaltung versehen.

 

Vorderansicht und Rückseite des Programms der Spiele

Vorder- und Rückseite der Eintrittskarte für die Lager-Olympiade

Unter den 369 Wettkämpfern befanden sich erfolgreiche Olympiateilnehmer. Fechter Kazmierz Laskowski hatte 1928 in Amsterdam mit der Mannschaft die Bronzemedaille im Säbelfechten gewonnen. Witalis Ludwiczak und Adam Kowalski-Roch erreichten bei den Winterspielen 1932 in Lake Placid mit der  Eishockey-Mannschaft Polens den vierten Platz. Die Erstplatzierten bei den Woldenberg-Spielen erhielten als Preis dekorative Diplome mit olympischen Symbolen. Das Olympische Lager-Komitee zeichnete alle Teilnehmer an den Wettbewerben mit einem Souvenirblock aus. Für die Wettkämpfer spendeten die anderen Gefangenen zusätzliche Lebensmittel.

 

Bei dem Zertifikat für die Teilnehmer wurde feuchtes Papier gegen eine handgeschnitzte Holzform gepresst, wodurch eine Prägung entstand. Das Design bestand oben in der Mitte aus den Olympischen Ringen. An den Seiten wurden die Banner der sechs teilnehmenden Sportvereine angebracht. Unten in der Mitte befinden sich die Initialen Z-W-K-S der Vereinigung der Militär-Sportclubs. Verwendet wurden Papiersorten von weiß bis getönt. Die Läufer-Marke und der olympische Sonderstempel vervollständigen das Blatt.

Postkarten in den Farben der Ringe

Die Kunstwettbewerbe vervollständigten das Programm der Lager-Olympiade. Unter den Siegern befanden sich Edward Czarnecki, der die Briefmarke mit dem Läufer entwarf, und Marian Frankewicz in der Kategorie Musik, der Komponist der ,,Olympiafanfare“. Der 1. Preis im Bereich Literatur wurde Jan Knothe zuerkannt. Er war der Verfasser des Gedichtes ,,Olympisches Gebet“. Der Architekt Jerzy Hryniewiecki wurde gemeinsam mit Jerzy Staniszki für ein Plakat geehrt.

Eine künstlerisch ansprechende philatelistische Besonderheit in Woldenberg waren fünf Postkarten in den olympischen Farben Blau, Schwarz, Rot, Gelb und Grün. Als Illustration diente ein Athlet, der sich, ermüdet vom Kampf, vom Boden erhebt und eine Olympische Fackel hochhält. Welch eine Symbolkraft – wie viele der Posterzeugnisse in den Lagern offenbart das die Liebe nach Freiheit und Brüderlichkeit in der grausamen Zeit des Krieges. Wegen der nicht ausreichenden Farben kamen unterschiedliche Töne zustande. Die schwarze Karte ist die seltenste, die grüne kommt am häufigsten vor.

 

 

Die in Schwarz gehaltene Postkarte ist die seltenste der Serie von fünf Karten.

Blaue Postkarte mit dem Sonderstempel und der Läufer-Marke sowie zusätzlich einem Wert 100 Pfennig, der am 18. März 1944 in einer Auflage von 6200 herausgegeben und von E. Piccard entworfen wurde. Der kombinierte Express- und Einschreibepostkartentarif betrug 75 Pfennig.

Briefmarken mit antiken Motiven

Im nur wenige Kilometer von Woldenberg entfernten Oflag II D in Groß-Born, dem heutigen Borne Sulinowo in Westpommern, wurden nach ähnlichem Muster ,,Olympische Spiele“ vom 30. Juli bis 15. August 1944 veranstaltet. In dem Lager waren etwa 5000 polnische und auch viele französische Offiziere untergebracht.

Am Eröffnungstag der Veranstaltung erschienen drei Sondermarken. Bei den Werten 10 Fen (Auflage 5137 Stück) in Rot-Braun oder Dunkelbraun und 20 Fen (5245 Exemplare) in Braun beziehungsweise Oliv-Braun wurden die Olympischen Ringe auf einem Ornament abgebildet. Der Höchstwert 50 Fen (4702 Stück), bei dem durch einen zweiten, Tage später erfolgten Druck die Farben dunkelgrün und smaragdgrün vorkommen, zeigt neben den Olympia-Ringen ein antikes Pferdewagenrennen. Bemerkenswert ist dabei das philatelistische Wissen des Marken-Entwerfers Wlodzimierz Zieleniewski, der bei diesem Motiv Bezug nahm auf die Sondermarkenserie Griechenlands zu den Olympischen Spielen 1896 in Athen. Dort bestanden die Werte 25 und 60 Lepta aus einer Quadriga, die von der Siegesgöttin Nike gelenkt wurde. Die Marken wurden in Zehnerbögen zu zwei mal 5 Marken in senkrechter Anordnung auf weißem normalen Papier gedruckt, das Motiv 50 Fen zusätzlich auf dickem Papier.

 

Die Olympia-Ausgabe vom Oflag II D in Groß-Born

Für die Dauer der Spiele wurde ein Gummi-Sonderwerbestempel verwendet. Das Design ist ein Banner mit den Olympischen Ringen und den Daten der Veranstaltung. Am 30. Juli 1944 erschien eine Postkarte in unterschiedlichen Größen mit dem Werteindruck des Olympiawertes 10 Pfennig. Die Karte mit einer Auflage von 3025 Exemplaren existiert in den Farben weiß und bräunlich.

Der erste Tag der Spiele am 30. Juli 1944 begann um 9.00 Uhr mit einer einstündigen Feldmesse in der Kapelle. Die Eröffnungsfeier der ,,Olympischen Spiele“ von 18.00 bis 22.00 Uhr besaß festlichen Charakter. Zuerst entzündete ein Fackelläufer das Olympische Feuer. Anschließend eröffnete Oberleutnant Weiss die Spiele. Es folgten kulturelle Darbietungen.

Am nächsten Tag begannen die Leichtathleten mit einem 100-Meter-Lauf die  Wettkämpfe. Die Wettbewerbe fingen täglich um 9.00 Uhr an und zogen sich bis 20.00 Uhr hin. Es beteiligten sich Sportler der Vereine Czarni, Polonia, Warta, Wilno und  Wisła. In den Abendstunden wurden viele Kultur-Veranstaltungen als Beiprogramm der Spiele angeboten.

 

Postkarte mit Werteindruck 10 Pfennig auf bräunlichem Papier, verschickt am 12. August 1944 an einen Gefangenen in Baracke 3.

Medaillen für die Sieger in Groß-Born

Nach einem Verbot durch die deutsche Lagerleitung durfte im Gegensatz zu den Spielen in Woldenberg keine Olympische Fahne verwendet werden. Die Gewinner der Wettbewerbe erhielten jedoch Medaillen, die aus weißem Karton bestanden, in den das Bildnis eines mit Lorbeer bekränzten antiken griechischen Olympiasiegers geprägt worden war. Übrig gebliebene Stücke erwarben Häftlinge als Andenken.

 

Die Sieger-Medaille bei den Spielen in Gross-Born mit dem Kopf eines Olympioniken der Antike, der Inschrift ,,Olympiade des Lagers II D 1944“ und den Olympischen Ringen

Neben den sportlichen Wettkämpfen gab es Kunstwettbewerbe und kulturelle Veranstaltungen wie eine Architekturausstellung, ein Liederfestival oder  Chorkonzerte. Die Jury für die Kunstwettbewerbe hatte ihren Sitz in der Baracke 43. Dorthin richtete ein Gefangener einen eingeschriebenen Brief, in dem er sich für die  Teilnahme in der Bildenden Kunst anmeldete. Auf der Rückseite des mit einer Briefmarke versiegelten Umschlages vermerkte er sein Projekt: ,,Plakat unter dem Motto ,Der Punkt über dem i`“.

Zu den kulturellen Begegnungen gehörten auch Kabarett-Aufführungen. Das waren willkommene Ablenkungen von dem tristen Lageralltag. Für die Veranstaltungen wurden mit der Lagerpost mit Schreibmaschine gefertigte Einladungen verschickt. Davon zeugt ein Brief an Dr. Olgoza in der der Baracke 48. Auf der Innenseite des Faltbriefes wird dem Gefangenen der Besuch eines Caféhaus-Kabaretts anlässlich der ,,Olympischen Spiele“ empfohlen. An den Empfänger ergeht der Hinweis, für die Veranstaltung am 12. August um 18.00 Uhr eigene Erfrischungsgetränke mitzubringen. Den Briefkopf ziert eine weitere Stempel-Kreation mit der Inschrift Lager-Olympiade, über der die Olympischen Ringe platziert sind. In der unteren Reihe ist die Jahreszahl 1944 von einer Stacheldraht-Darstellung umgeben als  deutlicher Hinweis auf die Gefangenschaft.

 

Einschreibebrief an die Jury der Kunstwettbewerbe mit Tagesstempel Groß-Born und dem olympischen Werbestempel

Einschreibe-Faltbrief mit dem Tagesstempel Groß-Born vom 3. August 1944 und nebengesetztem olympischem Werbestempel. Einladung an Dr. Olgoza aus der Baracke 48 zur Teilnahme an der Olympia-Rahmenveranstaltung im Café. Die Marke 50 Pfennig deckt die Gebühr für das Einschreiben ab.

Im Zusammenhang mit der Lager-Olympiade ist auch die vom Briefmarkenclub des Lagers organisierte Philatelie-Ausstellung zu sehen, die am 12. August 1944 begann und vier Tage bis zum Ende der Spiele dauerte. Sämtliche im Lager erschienenen Marken, Stempel und Postkarten wurden präsentiert. Aus dem Anlass erschien ein Block mit den drei Olympiawerten in geänderten Farben. Die Auflage belief sich 1155 Stück. Der Block mit dem Nennwert von 80 Pfennig wurde für eine Mark verkauft. Der Erlös ging an den Lagerfonds.

Nach den Lager-Spielen benutzte die Postverwaltung im Oflag II D für den Rest des Jahres 1944 einen Kastenstempel ,,ROK OLIMPIJSKI (Olympisches Jahr). Hier wird er auf einer Postkarte verwendet, die am 28. November 1944 an die Baracke 3 geschickt wurde. An diesem Tag erhielten alle Postsendungen den Nebenstempel, um gegen die schlechten Lebensmittel für die Gefangenen zu protestieren.

 

Ausstellungsblock mit Sonderstempel. Die Zahl 3 im Posthorn weist auf den dritten Tag der Ausstellung hin, an dem der Block herausgegeben wurde. Entworfen hat den Stempel Leutnant Z. Wlodarski, die Gravur besorgte Leutnant T. Plowski. Für jeden der vier Ausstellungstage gab es einen neuen Stempel mit der entsprechenden Nummer im Posthorn.

Diese Postkarte wurde am 4. September 1944 von der Postverwaltung im Lager Groß-Born herausgegeben. Der Olympia-Nebenstempel ROK OLIMPIJSKI (Olympisches Jahr) fand besonders Verwendung am 28. November 1944. Illustrationen: Sammlung Rüdiger Fritz

Ehrung für Organisator der Lager-Olympiade

Die Lagerpost in Groß-Born war tätig bis zum 28. Januar 1945, die in Woldenberg schloss vier Tage vorher. In den letzten Januartagen wurden die Lager teilweise geräumt. Für die 5000 polnischen Gefangenen bedeutete dies einen oft tödlichen Marsch bei klirrender Kälte in Richtung Westen über 670 Kilometer in Lager nach Niedersachsen, die am 5. Mai 1945 von britischen Truppen befreit wurden. Die in Woldenberg verbliebenen 4000 Häftlinge aus Polen erhielten am 30. Januar 1945 ihre Freiheit durch die Rote Armee, darunter Arkadiusz Brzezicki.

Brzezicki, der am 4. Dezember 1907 in Grosny in Tschetschenien geboren wurde und nach dem Ersten Weltkrieg mit seinen Eltern in Polen heimisch wurde, hatte 1929 in Warschau ein Sportstudium begonnen. Er war begeisterter Fechter und arbeitete ab 1932 als Sportlehrer. Nach dem Krieg beteiligte er sich aktiv am Wiederaufbau Polens. 1947 gründete Arkady Brzezicki die Sektion Fechten von Legia Warschau. Viele Jahre arbeitete er als Redaktionsleiter des Verlags Sport und Touristik und verfasste Bücher. Eine besondere Ehrung wurde ihm am 19. Juni 2010 zuteil: Die dreifache polnische Leichtathletik-Olympiasiegerin Irena Szewinska (verstorben am 29. Juni 2018) überreichte als Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) ihm eine Statue des IOC als Anerkennung für seine Verdienste um die Olympiade hinter Stacheldraht 1944 im Oflag II C Woldenberg.

Arkadiusz Brzezicki war bis zuletzt Sportler, absolvierte täglich Gymnastikübungen. Am 19. Dezember 2014 starb er im Alter von 107 Jahren. Seine letzte Ruhestätte befindet sich auf dem Powazki-Militärfriedhof in Warschau. Er war der vorletzte Überlebende von den 6000 polnischen Offiziere aus dem Woldenberger Lager.

Fritz, Rüdiger (2019). Jahres-Sonderheft Internationale Motivgruppen Olympiaden und Sport (IMOS)

Verwendete Literatur:

Fabian Bura: Polnische Olympia-Chronik der Philatelie, Warschau 1976

Jozef Machowski: Kataloge der Lagerpost in Woldenberg und Groß-Born, 1963

Volker Kluge: Olympische Spiele hinter Stacheldraht, Journal of Olympic History, Berlin 2014

 

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